Eine kleine Skizze zur Systemtheorie von Peter Fuchs
- Franz Hoegl

- 13. Feb.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Feb.

Peter Fuchs‘ Werk hat wohl mehrere „Säulen“, neben der soziologischen bzw. „allgemeinen“ Systemtheorie noch die Welt der Beratung, der Kunst und Dichtung, des zeitdiagnostischen Kommentars, von Musik (einst) und Malerei (wieder) und, natürlich, dem Rauchen ganz zu schweigen. Ich möchte speziell für die erste Gruppe von Texten eine Perspektive vorschlagen, in der Peter Fuchs‘ Bücher als Dokumente oder Spuren einer theoretischen Entwicklung begriffen werden, also ein nachträglich hinbeobachteter roter Faden (denn ob das so „geplant“ war ist ja eine ganz andere Frage). In meiner kurzen und dann doch zu langen Darstellungskizze mag auch deutlich werden, dass zu Recht davon ausgegangen werden kann, dass Peter Fuchs' Theorie viel mehr ist als nur ein „Weiterbasteln" der Theoriearbeit Luhmanns. Man kann begründet von einer „Fuchsschen Systemtheorie" sprechen.
Diese Fuchssche Systemtheorie kann man m.E. sehen als eine Arbeit in, mit, durch die Figur der Unterscheidung (oder Form) und auch noch ihrer verzeitlichenden Überwindung. Als Arbeits-Leitunterscheidung fungiert die Form „Form/Problem“. Der Formbegriff ist der Kompass, mit der von einem Problem zum nächsten gewandert wird (um nicht zu sagen: gekreuzt), das Reisemotiv ist die unstillbare Neugier, wie all das Pralle, Wundersame, Schröckliche und auch schrecklich Langweilige unserer Sinnwelten nicht nur wirklich, sondern überhaupt möglich ist, also die ursprünglich genuin philosophische Frage nach der Bedingung der Möglichkeit.
Die Reise beginnt mit der Betrachtung der Differenzen, die soziale Systeme konstituieren; etwa "Reden und Schweigen", Erleben („Erfahrung“) und Handeln („Intervention“). Von Anfang an geht es ihm darum, vom Einheitsdenken zum Differenzdenken überzugehen. Einsetzend mit der Beobachtung, dass es gesellschaftlich oft ums genaue Gegenteil geht, um die Imaginierung von Einheit, von communité, von Gemeinschaft („Erreichbarkeit“) (1992). Da man sich Welt, Gesellschaft und Semantik nicht von außen ansehen kann, sondern diese Grenzen nur als eingespiegelte, selbstreferenziell erzeugte Fremdreferenz betrachten kann – Zeit für ein Hegel-Zitat! Hier ist es: "Jedes bezieht sich auf sich selbst, nur als sich beziehend auf sein Anderes." (Hegel, LvW, 273/30) – führt die Problematisierung der Einheit der Gesellschaft zunächst in den Maschinenraum systemtheoretischer Beobachtung, auf die – wenn man die von Peter Fuchs später so unnachgiebig kritisierte räumliche Metaphorik der „Laws of Form“ hier mal benutzen darf, – unterstellte „Innenseite“ der Form von Kommunikation, also zu den Innenverhältnissen von Information/Mitteilung; mit der Einführung vager Unterscheidungsoperationen (vgl. das Theoriestück des Operativen Displacements in "Moderne Kommunikation", 1993) zeigt sich schon von Beginn die Freiheit, Theorie als eine Textur-in-the-making zu begreifen, die jederzeit um-und ausbaufähig bleiben muss. Er erlaubt sich die Abweichung.
Die Abweichung nimmt die Form eines Forschungsprogramms an, die Methode ist oftmals, an (Luhmanns, oder eigene, frühere) Texte anzuschließen, indem er sich von ihnen abstößt. Und die Form des Abweichens ist auch stets der Leitfaden, der Kompass, dafür, wie es weitergeht: Wenn die Theorie dies bezeichnet, wovon unterscheidet sie es dann, und was ist das durch die Einheit dieser Unterscheidung Ausgeschlossene? Wenn wir auf Kommunikation fokussieren, dann verdanken wir diesen Fokus der Unterscheidung von Kommunikation und Bewusstsein, also wendet sich Peter Fuchs „dem“ Bewusstsein als der anderen Seite der Form zu. Dann, naheliegenderweise (denn nichts verbindet ja so wie eine Grenze), den „anderen“ anderen Seiten des Bewusstseins, dem Unbewussten, der Psyche. Von da aus geht der Blick von der Form von-diesem-und-jenem auf das Medium dieser Formungen, mit dem diese Unterscheidungen konstituiert werden, der Blick geht auf die ‚Form, an sich selbst betrachtet‘. Im Zuge dieser Beobachtungen, die zwar nicht im Luhmannschen (und Fuchsschen) Sinne dieser Bezeichnung, vermutlich aber im Sinne Kants als „transzendental“ begriffen werden können (wenn transzendental nämlich nicht schlicht als das Gegenstück zu „empirisch“ arrangiert wird, sondern als die Frage danach, welche impliziten Voraussetzungen fallweise nicht negiert werden können, ohne sie dadurch zu bestätigen), werden nicht nur die im Wissenschaftsbetrieb so selbstverständlichen Einheiten „Soziologie“ und „Psychologie“ samt ihrer Gegenstände „Gesellschaft“ und „Psyche“ problematisiert – und das heißt, als Momente einer Differenz beobachtet, und nicht als stand-alones –, sondern auch die eingespielten Begriffe und Semantiken: „Das“ System – eine Metapher (2001). „Der Mensch“ – mit Vorsicht zu genießen (2007). Und nichts ist nach Peter Fuchs fremdverständlicher und voraussetzungsreicher als die selbst(sic)verständliche Rede von der SELBST-Referenz (2010). Die Sinnform der Beobachtung wird zum Erst- und Letztbegriff ("Der Sinn der Beobachtung", 2004), und verwandelt die Welt in ein Gewusel aus sozialer Adressierung und fungierenden Ontologien. Sprich, in einem Fortgang, der sich mit jedem Schritt (Buch) mehr Abstraktion zutraut, ging der Blick von der Form unter dem Mikroskop (s. "Moderne Kommunikation") über die Betrachtung der jeweiligen (bislang unmarkierten) Seiten zentraler Unterscheidungen hin zur Problematisierung der begrifflichen Mittel der Analyse und der Darstellung ihrer Resultate. So wird die Form ja selbst als die Form von Medium/Form beobachtet, und das Medium ist kein vorrätiger Elementehaufen, sondern hat, als Möglichkeitsspielraum, selbst operative Wirkungen auf das, was, dann, in und mit ihm als Formen oder Formungen thematisch werden kann.
Man könnte auch sagen, Peter Fuchs nimmt eine von anderen eher wegverspotette Kritik an der Systemtheorie ernst, er problematisiert die allzu sorglose Verdinglichung und vor allem Vermenschlichung des Systembegriffs, wenn man sozialen Systemen Möglichkeiten andichtet, die ihnen mangels Augen, Ohren, Händen und Füßen nicht zur Verfügung stehen. Peter Fuchs adressiert dieses Problem mit der Theoriefigur der konditionierten Ko-Produktion, der das-eine-nicht-ohne-das-Andere-Form, also der wechselseitigen Assistenz. Soziale Systeme prozessieren Sinn, ohne ihn entnehmen zu können. Mit diesen Figuren einher geht die weitestgehende „Enträumlichung“ der Theorie. Sinngrenzen werden zu geänderten Fortsetzbarkeitsbedingungen, also verzeitlicht. Jegliche Sinnzuschreibung erfolgt im Nachtrag, qua Konstellation, als vorläufige Nachläufigkeit. Seine Systemtheorie ist – zumindest von der Anlage, wenn auch nicht stets in der Durchführung – von Kopf bis Fuß auf Reflexivität eingestellt, auf Aysmmetrie, Verschiebung, auf "nur einseitig verwendbare Zwei-Seiten-Formen" (ursprünglich ein Luhmann-Zitat, das bei Fuchs als Chiffre für reflexive Verhältnisse fungiert).
Ich sehe also zwei Konstanten in der Theorieentwicklung: Die Kombination aus sich durchhangelnden Betrachtungen entlang der Form, die von Theoriebegriff zu Theoriebegriff durchgespielt werden einerseits, und, andererseits, die zentrale Rolle der Zeit, der Verschiebung, des Auf- und Nachschubs, der différance, die jegliche Präsenz als vorbereitungsbedürftige und voraussetzungsreiche, fungierende Ontologie konstelliert.
Dieses Kombinieren nahm mit "Die Erreichbarkeit der Gesellschaft" (1992) Fahrt auf und erreichte wenn nicht einen Gipfel, so doch mindestens eine oberhalb der Baumgrenze eingerichtete Bergstation: "DAS Sinnsystem" (2025). Das, was klassischerweise als Metaphysik verhandelt wurde, die Lehre davon, was die Welt im Innersten zusammenhält, wird zur Konstitutionsleistung DES Sinnsystems, einer Form, deren beiden Seiten, dann, in nachträglicher Selbstauslegung (oder, wie man wohl auch sagen würde: als "re-entry"), die Konstrukte „das Bewusstein“ und “die Kommunikation“ bilden, sie sind Ausfällungsreaktionen eines Sinnsystems, das „uns“ laufend mit Kontingenz, mit Zeitverzögerungen, mit Sinn versorgt. Ich zitiere den Schocker-Absatz aus DAS Sinnsystem (S. 229): „Die binären Codes der Funktionssysteme, sie gibt es nicht. Sie liegen nicht in der Gegend herum. Sie blinken an den Gates dieser Systeme nicht als Leuchtfeuer auf. Es handelt sich bei ihnen nicht, wie wir eben noch formuliert haben, um Kontexturinstallateure. Und dies ist der Grund dafür, dass es einer Theorie bedarf, die auf einer Beobachtungs- und Beschreibungsebene der dritten Ordnung operiert und die Beobachtungsoperativität der Funktionssysteme (und damit heben wir die Vorläufigkeit der oben gegebenen Definition auf) so beobachtet, dass Codes inferiert werden können. Die Meta-Differenz, die diese Inferenz bislang ermöglicht und bei jeder Beobachtung der Gesellschaft und ihrer Subsysteme vorausgesetzt ist, also System/Umwelt, würde jedoch mit dem Denken jener sehr allgemeinen Theorie, wie wir gesehen haben, relativiert.“
So hat sich Peter Fuchs' Theorie von einer weiterentwickelnden, selbstkritischen Systemtheorie zu einer reflexiven Beobachtung der Systemtheorie mit systemtheoretischen Mitteln gewandelt, die dann auch noch – damit ist die Reflexionsposition der „Supertheorie“ erreicht – die Mittel der Problematisierung der Mittel mit diesen Mitteln problematisiert. Die Supertheorie von Peter Fuchs ist der Versuch einer Systemtheorie der Systemtheorie (in bislang ungesehener Figurähnlichkeit zu Eugen Finks „Phänomenologie der Phänomenologie“); und insofern deren zentrales Werkzeug die Beobachtung dritter Ordnung darstellt, ist das ein gewagtes Projekt, dem viele nicht mehr folgen wollen, selbst wenn sie es könnten: Denn, so meine These, damit ist die Sphäre der Wissenschaft verlassen. Sondern wir bewegen uns dann in Problemgefilden, die zumindest traditionell von der Transzendentalphilosophie bewirtschaftet wurden. Damit will ich nicht behaupten, die Fuchssche Supertheorie (die dringendst einen gescheiten Namen braucht!) SEI Transzendentalphilosophie. Sie ist, als was sie verhandelt wird, und womöglich wird sie einfach vergessen. Aber sie vollführt genau das, was Luhmann in seinem Vortrag „Die neuzeitlichen Wissenschaften und die Phänomenologie“ sich vorgenommen und uns aufgegeben hat (S. 16), dass es eben wurscht sei, unter welchen Fahnen der freie Geist wehen mag, vielmehr ginge es „um die Suche nach einer Form, in der das unter dem Namen Philosophie akzeptierte unbedingte Theorieinteresse angesichts veränderter Bedingungen fortgesetzt werden kann.“ Das Peter Fuchs Werkverzeichnis findet sich hier: https://peter-fuchs-archiv.de/werk/verzeichnis/



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